Dr. med. Wilhelmine Popa †

11.7.1931 – 13.8.2008

 

Wir haben die traurige Nachricht zu machen, daß unsere sehr geschätzte und liebe Kollegin, Frau Dr. Wilhelmine Popa, vor kurzem verstorben ist. Dies teilte mir ihre Schwester Johanna Spinka telefonisch mit.

Helmi, wie sie sich gerne nennen ließ, ist in Temesburg (rum. Temesvar) geboren und aufgewachsen, ehe sie mit ihrer Familie nach Deutschland kam. Sie hatte in Düsseldorf eine große Praxis als Kinderärztin. In der Zeit absolvierte sie die Ausbildung in Logotherapie in Wien, kam regelmäßig zu den Blockveranstaltungen des zweiten Ausbildungsjahrgangs ins Palottihaus, gemeinsam mit ihrem Mann. Die beiden waren ein unzertrennliches Paar. Darum schmerzte es sie besonders, als ihr Mann nach langer Pflegezeit 1998 verstarb.
Helmi war unermüdlich. Kaum war sie als Ärztin in Pension, begann sie eine rege Ausbildungstätigkeit in Rumänien, verbunden mit vielen sozialen Aktivitäten für das Krankenhaus und die Kinderheime. Es war gerade nach der Wende, als Helmi in Pension kam. Vorher schon hatte sie viele Artikel ins Rumänische übersetzt. Nun aber konnte sie ins Land fahren, und konnte KollegInnen aus Temesburg nach Düsseldorf, ins Tessin und nach Wien einladen – eine willkommene Abwechslung für die Rumänen in den ersten Jahren nach der Wende, einmal eine Reise ins Ausland zu machen. Helmi war erfinderisch genug, Geldquellen aufzutreiben bei Caritas, Kirche, GLE-Spenden-Fonds usw. und steuerte selbst stets großzügig finanziell bei. Sie gründete ein Institut in Temesvar, das sie anfänglich allein finanzierte, und bot so die Möglichkeit für KollegInnen, ambulante Psychotherapie anzubieten. So baute Helmi die EA-Bewegung in Rumänien auf, aus deren ersten Gruppe auch der jetzige Präsident der rumän. EA-Gesellschaft und Leiter der Ausbildung, Dr. Christian Furnica, stammt.

Neben dieser enormen Aktivität für Rumänien entwickelte Fr. Dr. Popa aber auch das „Existentielle Bilderleben“, und gab über 20 Jahre hinweg immer wieder viel besuchte Seminare. Helmi hatte eine besondere Gabe, Bilder anzuregen und ins Verstehen zu bringen. So berichteten die TeilnehmerInnen regelmäßig, daß sie aus den Seminaren nicht nur bereichert, sondern auch gestärkt und erholt zurückkamen. Noch beim letzten Kongreß in Wien hatte Helmi eine solche Nachfrage für ihr Bilderleben, daß sie das Seminar zweimal anbot – ohne damit die Nachfrage befriedigt zu haben.

Helmi lebte bis kurz vor ihrem Tod gesund und heiter. Sie reiste und war noch im Tessin in ihrer Wohnung. Sie besprach Pläne Dr. Furnica und mir für Rumänien. Mitte Juli fühlte sie sich erstmals etwas schwach. Auf Drängen ihrer Schwester ging sie dann doch zu einer Durchuntersuchung ins Spital, was Ärzte nicht gerne tun und sie bisher ablehnte, wie die Schwester klagte. Die Untersuchung ergab eine beträchtliche Schwäche der rechten Herzkammer. Im geschwächten Zustand verbrachte Helmi die letzten Wochen zu Hause und erlag dem Herzleiden nach nicht einmal 4 Wochen.

Wir verlieren mit Helmi viel. Einen stets optimistischen Menschen. Einen herzlichen Menschen. Eine Idealistin, die ihre Ideale auf die Welt zu bringen verstand. Einen kreativen Menschen, einen humorvollen Menschen, einen unternehmerischen Menschen. Einen Mitmenschen, der durch und durch Mitmensch war.

Wir verdanken Helmi viel. Ohne sie gäbe es keine EA in Rumänien, wo die EA heute eine der starken Bewegungen in der Psychotherapie darstellt. Ohne sie hätten viele Menschen nicht so gut und so gestärkte aus ihren eigenen Tiefen zu sich selbst finden können.

Hab Dank Helmi!

Mögest Du nun ruhen können in dem Frieden, für den Du selbst so viel bewegt hast.

Alfried Längle

 

 

Michaela Probst †

10.5.1959 – 15.10.2007

 

Doch furchtbar ist, wie da und dort
Unendlich hin zerstreut das Lebende Gott.
Hölderlin

 

Viele wußten bereits, daß Michaela seit mehr als zwei Jahren an einem Karzinom litt. Sie hatte sich tapfer, mit Engagement und aktiv allen zur Verfügung stehenden Behandlungen unterzogen. Nicht zuletzt dank dieser Bemühungen gelang es, den Tumor so lange in Schach zu halten. Wenn auch nicht ganz unvorbereitet, so kam ihr Tod nun doch überraschend schnell.

Michaela hing am Leben. Sie wollte leben, so lange und so gut es möglich war. Ihrem Leben zuliebe unternahm sie daher alles. Manchmal brachen ihr der Mut und die Hoffnung ein, aber schnell faßte sie sich wieder. Manchmal war sie zu müde, zu erschöpft und voller Schmerzen – aber bis zuletzt gab sie den Kampf für ihr Leben nicht auf. Leben war ihr ein spürbarer Wert, eines der höchsten Güter des Daseins. Es war bewegend, diese aufrechte Haltung miterleben zu können. Denen, die dabei waren, hat Michaela ein beeindruckendes Beispiel für eine liebende Beziehung zum Leben und tief empfundenen Wert des Lebens hinterlassen.

Michaela kam zur GLE über ihren Mann, den Grazer Psychiater Dr. Christian Probst, der schon in einer der ersten Ausbildungsgruppen der GLE dabei war. Michaela, die drei inzwischen erwachsene Kinder hatte, war ursprünglich Volksschullehrerin und begann die Ausbildung als Beraterin mit dem Ziel, das Gelernte in der Schule einbringen zu können. Doch schon bald sprachen sie die Inhalte so sehr an, daß sie auch die Therapieausbildung absolvieren mochte, zunächst mit dem Plan, die klinische Psychotherapie bei Kindern anzuwenden. Doch dann faszinierte sie die Psychotherapie so sehr, daß sie den Lehrberuf aufgab und sich nur noch der Psychotherapie, der Ausbildung, der Lehrerweiterbildung und dem Grazer Institut widmete. Ihre guten Erfolge in der Behandlung und ihre herzliche Art ließen ihre Praxis bald überlaufen. In den folgenden Jahren hatte sie sehr viel gearbeitet – gerne gearbeitet, und viel Erfüllung dabei erhalten.
Michaela engagierte sich für die Existenzanalyse und für die GLE in einem ganz besonderen Maße. Sie war nicht nur die Seele des Grazer EA-Instituts, das in den Jahren stark expandierte und an dem jetzt weit über 20 KollegInnen mitarbeiten, sondern sie entwickelte auch ein Weiterbildungscurriculum zur Pädagogik, weckte bei zuständigen Stellen in der amtlichen Lehrerfortbildung Interesse an einem existentiellen und personalen Zugang zur Pädagogik und zur Persönlichkeitsbildung der Lehrer. Damit hat Michaela Pionierleistungen in diesem Sektor vollbracht.
Wie sehr sie für die GLE da war, zeugt u.a. ihre Bereitschaft, seit Jahren das Symposium für Kinder- und Jugendlichentherapie bei unseren internationalen Kongressen zu organisieren. Selbst für den nächsten Kongreß im Mai in Berlin hat sie dieses Symposium ein letztes Mal zusammengestellt und so weit vorbereitet, daß es knapp vor ihrem Tod bereits komplett war. Auch hier zeigt sich wieder, wie sehr sie im Leben stand, und dies bis zuletzt. Selbst im Bewußtsein eines bereits sehr begrenzten Lebens wollte sie in dem bleiben, was ihr wichtig war. Sie hatte auch selbst nicht gedacht, daß es so bald zu Ende gehen wird. So reißt der Tod Michaela aus vielen Bezügen und Aktivitäten, aus Ausbildungsgruppen, Supervisionsgruppen, Therapien, Selbsterfahrungen, Organisationen und Strukturen.

Uns fällt der Abschied von Michaela sehr schwer. Wir verlieren einen lieben Menschen, der eine große Strahlkraft hatte, der uns viel geschenkt hatte, uns beleben konnte und das Herz erfreute. Wir verlieren eine Kollegin und Pionierin, die viel für uns getan hat, die immer da war, wo Hilfe gebraucht wurde, und sich selbstlos gegeben hatte. Wir empfinden unendlichen Dank und werden sie mit ihrer Lebendigkeit in unserer Mitte lebendig halten.

Alfried Längle

 

Dr. Eva Kozdera †

30.9.1921 - 5.11.2005

 

 

Am 5. November 2005 starb Eva Kozdera, ein paar Wochen, nachdem sie noch in Freude und guter Gesundheit ihren 80. Geburtstag im Kreise ihrer Familie gefeiert hatte.
Eva Kozdera ist eine Gründerpersönlichkeit der GLE. Sie war diejenige, die die institutionelle Etablierung der Logotherapie angestoßen hat. Ihr stand das auch zu, denn sie war eine der ersten, deren Leben und besonders deren Arbeit von der Logotherapie geprägt worden war. So empfand sie es auch in ihrer Verantwortung, diesen Anstoß zu geben.

Diesen Impuls gab Eva Kozdera mit der Gründung des „Wiener Instituts für Logotherapie und andere Methoden der Psychotherapie“, wie der volle Name heißt. Ihre Pioniertat war, das erste Logotherapie-Institut weltweit unter der Leitung von einer Fachperson mit klinischer Erfahrung zu gründen. Eva konnte damals in weitblickender Haltung die Tochter Viktor Frankls, die Psychologin Dr. Gabriele Vesely, überzeugen, im Institut mitzuarbeiten. Viktor Frankl brachte etwas später auch mich mit ins Team. Nach über einem Jahr Vorbereitung (Eva Kozdera hatte den langwierigen Bürokratieweg zum rechtlichen Status einer „nicht bettenführenden Privatkrankenanstalt“ für das Institut erkämpft) wurde es im Februar 1983 in den erweiterten Räumlichkeiten ihrer Praxis in der Lainzerstraße 50 eröffnet. Der feierlicher Festakt unter Beisein von V. Frankl und Vertretern der Gemeinde Wien mit einer brillanten Festrede von Elisabeth Lukas war ein Höhepunkt in Evas Schaffensleben und eine öffentliche Würdigung ihres Engagements für die Logotherapie.
In diesem Institut begannen wir gemeinsam im November 1983 mit der Ausbildung, die dann später an die GLE überging.

MR Dr. Eva Kozdera war Psychiaterin und hat viele Jahre in der Wiener Poliklinik bei Viktor Frankl gearbeitet. Sie war die Assistentin mit den meisten Dienstjahren bei V. Frankl. Eva hatte zur Logotherapie ein besonderes Verhältnis. Sie tat sich zwar erklärtermaßen mit der Philosophie eher schwer, hatte aber ein ausgesprochen intuitives Verständnis der Materie. Die Logotherapie sei ihr „auf den Leib geschneidert“, meinte sie gelegentlich zu Recht. Auffallend war ihre große Geschicklichkeit in der Anwendung der Paradoxen Intention. Viele Patienten, die sie in der Ambulanz der Wiener Poliklinik betreut hatte, wurden in Frankls Bücher als Fallschilderungen aufgenommen – früher noch unter dem Namen Eva Niebauer. Auch in den Ausbildungen überraschte sie mit ihrer humorvollen, gelassenen Art, mit der sie die Paradoxe Intention anzuwenden wußte. Unvergeßlich, wenn sie in Rollenspielen in der Gruppe Ängste behandelte, u.a. auch meine Hundephobie. Immer kamen wir mit ihr über die beklemmende Enge der Angst hinaus in ein freies Lachen.

Sechs Jahre lang hat Eva Kozdera in unseren Ausbildungen noch mitmachen können, lange über ihre Pensionierung hinaus. Dann arbeitete sie zurückgezogen nur noch mit den Patienten an ihrem Institut, bis zuletzt. Eva war eine Psychiaterin mit Leib und Seele. In dieser Arbeit ging sie auf. Sie konnte täglich bis zu zehn Stunden und mehr Patienten betreuen, und sie hatte immer viele, zu viele Patienten, sowohl in ihrer Kassenpraxis als auch im Institut. Eva war bekannt als warme, gütige Ärztin, die viel Verständnis für die Nöte und die existentielle Situation der Patienten hatte. Auch dort, wo nur Medikamente indiziert waren, waren ihre Behandlungen immer eingebettet in ein menschliches Verständnis und ausgerichtet auf einen möglichen Sinn des Leidens. Nicht verwunderlich, daß ihre Patienten sie liebten.
Eva hatte ein besonders großes Herz für die armen Menschen und für die therapeutisch nicht (mehr) behandelbaren Menschen. Jene, die vielerorts durch den Rost gefallen waren, hatte sie aufgefangen und mit einer Engelsgeduld begleitet, betreut, ermutigt, aufgerichtet, getröstet und sich für sie eingesetzt. Eva war die „Ärztliche Seelsorgerin“ par excellance. Eben Logotherapeutin durch und durch. Für diese große ärztliche und menschliche Leistung wurde ihr der ehrenvolle Titel „Medizinalrat“ (MR) von der Wiener Ärztekammer verliehen. Und einige von diesen Patienten, die sie bis zu ihrem Tode noch menschlich begleitet hatte, kamen mit ihrem großen Verlustschmerz zum Begräbnis. Ein ergreifender Abschied.

Auch wir denken in Dankbarkeit an Eva, an ihre zutiefst menschliche Art, ihre mitfühlende Kraft, ihre Geschicklichkeit, die sie in der Logotherapie so gut zur Entfaltung bringen und damit vielen Menschen und KollegInnen helfen konnte. Wir danken ihr für ihren großen Einsatz und die liebevolle Verbundenheit mit der Sache wie auch mit der GLE, die sie über die schmerzliche Trennung mit Frankl hinweg aufrecht gehalten hatte. Eva war trotz ihrer großen Wertschätzung für Frankl immer mit uns und unserer Entwicklung, die sie bis zuletzt mit großem Interesse verfolgt hat.

Alfried Längle